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geliebt 12|08
 
«Authenzitität existiert nicht» oder The World of Madelon Vriesendorp

Die niederländische Künstlerin Madelon Vriesendorp, Mitbegründerin von OMA und seit über 30 Jahren mit Rem Koolhaas verheiratet, zeigt in Berlin noch bis zum 17.04. eine umfassende Retrospektive. 1975 entstand ihr Gemälde Flagrant Délit, welches 1978 als Titelbild auf Koolhaas’ Kultbuch Delirious New York erschien. Vriesendorps Schaffen – von
Beatrice Colomina als «Science of the Unserious» umschrieben – wird vor allem damit assoziiert, umfasst aber weitaus mehr. Fabienne Hoelzel hat sich mit der Künstlerin unterhalten.
Madelon Vriesendorp (Bild: fh)
 
 
Ausserdem zeigen wir an dieser Stelle die eigens für die Ausstellung aufbereitete Animation Flagrant Délit (Dauer 9 Min.) – die strenge Moderne macht der Frivolität den Garaus. Die 1979 entstandene Animation blieb der Architekturwelt bisher verborgen. (Klicken Sie unten auf den weissen Pfeil um den Film zu starten. Das zweite Symbol von rechts ermöglicht eine Ansicht im Vollbildmodus. Nicht vergessen, die Lautsprecher einzuschalten!)



Delirious New York


Lass uns zuerst über deinen Anteil am Kultbuch
Delirious New York sprechen.

Rem hat mich von Beginn weg in die Recherchen eingebunden. Ich kaufte einfach alles, was mit dem (für ihn) magischen Jahr 1929 zusammenhing. Ich erstand Fortune und Life-Ausgaben, frühe Bücher, Postkarten. Selbst kleinste Dinge wie Anzeigen und Werbung konnte er gebrauchen. Dann habe ich die ersten Bilder von New York, mit der Freiheitsstatue und Wolkenkratzern gemalt. Rem hat sie gesehen und gemeint, ich solle liebende Hochhäuser im Bett malen. Ich habe mich geweigert! Dann meinte er, Rockefeller müsse sodann das Schlafzimmer betreten. Als ich die beiden letzten Versionen mit Manhattans Unterwelt – dem Unterbewusstsein – unter dem Bett zeichnete, wurde ich gebeten, damit ein Magazintitelblatt zu gestalten. Erst viel später kam es als Titelbild für Delirious New York ins Spiel.

Die Entstehungsgeschichte von Naked Boxers Eating Oysters ist ziemlich bewegt.

Rem bat mich, eine Art Illustration zum Downtown Athletic Club zu machen, wichtiger Bestandteil der Theorie, alle Aktivitäten in einem Gebäude zu vereinen, wie in einer Nussschale. Die Kombination von Boxern, die nach ihrer sportlichen Betätigung nackt mit ihren Handschuhen direkt an die Austerbar hinübergehen konnten, versinnbildlichte ultimativ die Ausdehnung von programmatischen Möglichkeiten. Ich sollte die Zeichnung in diesem typisch homo-erotischen Stil machen. Ich willigte ein, aber niemand durfte erfahren, dass es von mir stammt. Es sollte ein «gefundenes» Bild sein, ein Mythos. Als später jemand fragte, wer der Autor sei, sagte Rem, es sei von mir. Er hat das Versprechen total vergessen, es war nicht wichtig für ihn. Ich war schockiert.
Flagrant Délit (Version I) 1975, Collection Frac Centre, Orléans (Bild: Vriesendorp)
Freud Unlimited 1975, Centre Canadien d'Architecture CCA, Montréal (Bild: Vriesendorp)
Die frühen Jahre mit OMA

Du bist Mitbegründerin von OMA. Wie sahen die ersten Jahre dieser Zusammenarbeit aus?

Elia Zenghelis, Rems Lehrer arbeitete zusammen mit meinem Mann an diesem Casabella-Wettbewerb, The City as Meaningful Environment. Beide waren mit Künstlerinnen verheiratet. Elia arbeitete an den Konzepten und Zeichnungen, Zoe, seine Frau, an den Modellen, Rem und ich machten zusammen die Collagen. Unser Projekt war ein Streifen mit unterschiedlichen Parks namens Exodus or the Voluntary Prisoners of Architecture. In den Schrebergärten standen ganz viele Leute und Rem wollte unbedingt eine nackte Frau hinzufügen. Wir hatten ziemlichen Streit, ich war dagegen. In diesen kleinen Gärtchen widmeten sich die Leute hingebungsvoll einer Sache, beteten, ohne Radio, ohne Fernsehen… Natürlich hat er gewonnen, die nackte Frau ist drin. So war es immer. Er bestimmte, was in die Collagen kam... und konnte sich durchsetzen.

Wann und warum wurde diese Kollaboration beendet?

Wir haben ziemlich lange so zusammengearbeitet. Als wir in New York lebten, hatten wir kein Geld. Gleichzeitig haben wir realisiert, dass es einen Markt für Architekturzeichnungen gab, wir sind eine Firma geworden. Für jede Ausstellung und jeden Wettbewerb haben wir riesige Bilder angefertigt. Zoe zeichnete meist für Elia, ich für Rem. Einmal wurde ich um einen weiteren Captive Globe gebeten. Ich habe heimlich Rems Entwurf für die Très Grande Bibliothèque in Paris hineingemalt. Eines meiner letzten Gemälde für OMA war ein grosses Bild für den Rathaus-Wettbewerb in Den Haag. Dann bekam das Büro richtige Aufträge und lief gut, ausserdem übernahm der Computer sozusagen meine Arbeit. Ich war glücklich, frei zu sein und Zeit für meine Kinder zu haben. Elia und Rem haben sich dann getrennt, Elia und Zoe ebenso.
Eating Oysters with Boxing Gloves, Naked 1977 (Zeichnung: Vriesendorp)
Modernismus, Kunst und Architektur

Charles Jencks, der Mitbegründer der Postmoderne, ist ein enger Freund von dir. Rem hingegen ist klar ein Modernist. Welche Bedeutung hat die Moderne heute?

Nun, sie ist heute auf einer anderen Ebene wirksam. Der Computer wirkt ganz stark mit. Seltsamerweise sind «fliegende» Gebäude trotzdem modernistisch. Du kannst der Moderne nicht entschlüpfen. Bei scheinbar «neuen» Dingen ist es mehr der spektakuläre Schein, die Materialien aber bleiben in der Moderne verhaftet – auch wenn du oben drauf eine Kuchendekoration platzierst. Natürlich ist das immer auch eine Entschuldigung für schlechte Architektur gewesen. Ein Gebäude sieht vielleicht schön aus von aussen, aber die Räume innen sind fürchterlich und klein. Planer und Architekten machen nach wie vor moderne Architektur.
City of the Captive Globe, 1976 (Zeichnung: Vriesendorp)
Nederlands Dans Theatre 1987 (Wandgemälde: Vriesendorp; Foto: Hans Werlemann)

Du hast zwischen 1984 und 1994 an der AA School of Architecture unterrichtet.

Ich habe immer nur Farben und ihre Anwendung unterrichtet und in Zaha Hadids Studio angefangen. Sie rief mich an und beklagte sich über ihre schlechten Studenten, die nicht mit Farben umgehen konnten. Wir hatten alle die Schnauze voll von diesen «hübsch» colorierten Zeichnungen. Die Botschaft war demnach simpel: Keine «hübschen» Farben mehr. Die meisten Studenten drückten die Farbe direkt aus der Tube aufs Papier. Wir lehrten sie, Farben richtig zu mischen und diese nur in Verbindung mit einer konkreten Materialvorstellung anzuwenden.

Wie beurteilst du das Verhältnis von Kunst und Architektur? Das Wandgemälde beim Tanztheater von OMA stammt ja von dir.

Rem wollte unbedingt, dass ich etwas mit dieser Wand mache. Ich hatte genug von Marmor. Also habe ich Tänzer gemalt, aber darauf geschaut, dass die Räume zwischen den Tänzern wie Marmor aussahen. Rem gefiel das nicht, es sollte farbig sein. Ich habe dann eine Art Camouflage gemacht. Die wenigsten wissen, dass es sich um Tänzer handelt. Es gibt in den Niederlanden seit jeher eine grosse Tradition, Künstler in die architektonische Gestaltung einzubinden; in Nord- und Südamerika auch. Vor allem in der modernen Architektur gab es ein grosses Bedürfnis nach Farbe – oder das Mies’sche Element: die Statue im Kontrast zur Architektur. Es ist die Nacktheit und der Kontrast. Du kannst nicht sehen, dass etwas perfekt gerade ist, wenn es davor nicht etwas gibt, das dir ermöglicht, die Geradlinigkeit und Strenge zu erkennen.
Object Archive 1972, ongoing (Bild: fh)
Wir sind hier von Hunderten von Figürchen und Postkarten umgeben, die du seit Jahrzehnten sammelst.

Oh, ich habe noch viel mehr! Der Platz hat nicht ausgereicht, alle hierher zu bringen. Deswegen haben wir Aufnahmen meines Ateliers aufgehängt. Ich konnte auch viele Zeichnungen nicht zeigen, weil sie zu privat sind. Die Postkarten habe ich vor allem in Amerika und New York gesammelt, weil ich sie als Inspiration für meine Bilder brauchte. Ich finde es komisch, wenn die Leute von «Authenzität» sprechen. Die gibt es nicht! Jedes dieser Figürchen kommt von irgendwo her, bringt eine Geschichte mit sich und verwebt sich in diesem Kontext neu. Die Leute haben schon vor Jahrhunderten irgendwelche Dinge beispielsweise nach China gebracht. Und eine chinesische Figur oder ein russisches Spiel landet dann in meiner Sammlung, geschenkt von Freunden oder meiner Familie.
Manhattans Unterwelt: Postcard Collection 1972, ongoing
Mind Game (Bild: Vriesendorp)
Mind Game … and delirious no more

Erzähl etwas zu deinem Mind Game. Um was geht es genau und warum hat Rem es nie gespielt?


(lacht laut) Ganz einfach, weil ich ihn nie danach gefragt habe. Mind Game ist ein Spiel, vor welchem die Leute grossen Respekt haben (lacht noch mehr). Viele denken tatsächlich, ich würde eine Psychoanalyse vornehmen und weigern sich, es zu spielen. Jemand hat beispielsweise den Fuss in die geöffnete Tür gesetzt, worauf ich sagte: «Aha, du gehst nicht gern zum Arzt!» Die besagte Person antwortete: «Genau! Unglaublich, wie weisst du das?» (lacht noch immer) Die meisten Leute gehen nicht gern zum Arzt, nicht wahr. Man spielt in der Gruppe und muss nicht alle Objekte verwenden. Nicht verwendete Figuren werden aber auch gedeutet. Gewinner ist derjenige, dessen Setzung am schwierigsten zu interpretieren ist oder diejenige, deren Interpretation weitgehend akzeptiert wird.

New York heute: Welche Hochhäuser würdest du 2008 in post-koitaler Umarmung zusammen im Bett zeichnen – und ertappt von wem?


Keine. Die heutigen Hochhäuser sind alle androgyn. Es gibt keine weiblichen und männlichen mehr. Frauen haben Angst weiblich zu sein und Männer männlich.

Das Gespräch führte Fabienne Hoelzel